Artikel «Solchen Missbrauch zu erfahren, bedeutet maximalen Kontrollverlust»
Ich bin für ein Interview angefragt worden, ausgehend von einer Frage, die aktuell viele beschäftigt: Warum rekrutieren manche Betroffene in Ausbeutungssystemen später selbst weitere junge Frauen?
Im Interview ordne ich ein, welche psychologischen Mechanismen in solchen Systemen häufig zusammenkommen können. Dazu gehören Grooming und Zwangskontrolle (coercive control). Menschen werden schrittweise an Grenzverschiebungen gewöhnt und dann über Abhängigkeit im System gehalten, zum Beispiel durch Isolation, Drohungen, Schuld- und Schamgefühle, finanzielle oder soziale Abhängigkeiten, aber auch durch Versprechen, Status und scheinbare Privilegien.
Wenn Betroffene später in solchen Ausbeutungssystemen Rollen übernehmen, die von aussen nach Macht aussehen, geht es aus klinisch-psychologischer Sicht häufig um Überleben bei stark eingeschränktem Handlungsspielraum. Im Vordergrund stehen dann Sicherheit, Risikominimierung und der Versuch, innerhalb eines weiterhin schädigenden Rahmens wieder etwas Kontrolle zu gewinnen.
Zur kritischen Rückfrage rund um Verantwortung: Aus klinisch-psychologischer Sicht kann ich einordnen, welche Faktoren Menschen in solchen Systemen festhalten und steuern können, etwa Druck, Abhängigkeiten, Drohungen sowie Bindungs- und Loyalitätsdynamiken. Entscheidend ist auch, wie viel Handlungsspielraum realistisch erlebt wurde. In Einzelfällen können zusätzlich eigene Motive wie Macht oder Status eine Rolle spielen, das muss jeweils individuell eingeordnet werden. Diese Differenzierung hilft, Prävention und Ausstiegshilfen wirksamer zu gestalten und Betroffene besser zu schützen.
https://www.tagesanzeiger.ch/epstein-skandal-wie-grooming-opfer-zu-taeterinnen-macht-733572532346